ABA ist keine Therapie

Die New York Times bot vor kurzem mit „Early Treatment for Autism Is Critical, New Report Says“ ABA-Anbietern unkritisch eine Plattform, um für ihre „Therapie“ zu werben, ohne dass abweichende Meinungen zu Wort kamen oder eine kritische Einordnung erfolgte.

Es sollte der New York Times bekannt sein, dass die sogenannte Applied Behavior Analysis (ABA) auch aus akademischer Perspektive kritisch gesehen wird. Unter anderem ist die Studie und die Evidenzbasis bei weitem nicht so klar, wie sie im Artikel dargestellt wird. Die Studien zu ABA haben oft methodische Mängel (z.B. beinhalten die Studien größtenteils extrem kleine Stichproben ohne Kontrollgruppe, es wurde bisher keine Studie zu Langzeiteffekten in Bezug auf die Zufriedenheit der Teilnehmenden durchgeführt…), und sie basieren im Grunde auf einer Fehldefinition von Autismus, wie Elle Loughran bereits in ihrem Artikel „The Rampant Dehumanization of Autistic People“ treffend ausgeführt hat.

Wenn man von einer falschen Definition ausgeht, kann nichts Vernünftiges dabei herauskommen (wie als mittelalterliche Ärzte eine falsche, aber kohärente Theorie benutzten, um Krankheiten als Ergebnis von Wind, natürlichen Gasen und den vier menschlichen „Säften“ zu erklären).

Die journalistischen Mindeststandards hätten einen ausgewogeneren Artikel erfordert. Stattdessen wird ABA als ein Wundermittel ohne Nebenwirkungen angepriesen. Das ist nicht glaubwürdig, auch wenn man nichts über ABA weiß. Ein tiefgreifender Eingriff in die Natur eines Kindes, ohne dass über negative Nebenwirkungen berichtet wird? Das klingt nach Quacksalberei.

In Deutschland wird ABA glücklicherweise noch kritisch betrachtet und daher die Kosten für so ein Verfahren von den Krankenkassen auch nicht übernommen. Da Autismus nicht als heilbar gilt, kann er logischerweise auch nicht therapeutisch geheilt werden und daher kann die ABA-„Therapie“ per Definition nicht funktionieren.

Wir werden aber auch mit Fantasieartikeln und Werbung von Instituten, die diese Dressur zu hohen Preisen anbieten, überflutet. Ein Wundermittel! Ohne jegliche negative Nebenwirkungen! Fast wie Magie! Das sind Rattenfänger-Methoden, und es ist schockierend, dass die New York Times einen solchen Artikel veröffentlicht hat. Das wäre nicht das erste Mal – 1971 veröffentlichet die New York Times eine Lobhymne auf die „Heilung“ von Homosexuellen: „Die Therapeuten berichten, dass sie zwischen 25 und 50 Prozent aller homosexuellen Patienten – unabhängig von Alter oder ursprünglicher Motivation – zu einer heterosexuellen Anpassung verholfen haben“.

Ich bin nicht gegen jede Form von Therapie – wie im Bereich der Logopädie oder der psychologischen Unterstützung bei der Bewältigung von Stress, Schlafproblemen etc. Ich bin gegen ABA als „Therapie“, weil diese „Therapie“ den Namen Therapie nicht verdient und Methoden der Gehirnwäsche und operanten Konditionierung verwendet.

Zitat von Dr. Levy aus dem Artikel der New York Times: „Die intensivste Intervention ist die Applied Behavioral Analysis (A.B.A.), ein Programm, das bestimmte Verhaltensweisen anspricht, Auslöser und Vorläufer identifiziert und mit Belohnungen reagiert, wenn ein Kind sich in der gewünschten Weise verhält.

Was ist ABA? Kurz und bündig: ABA basiert auf dem Behaviorismus, der den Menschen quasi als ein leeres Blatt sieht, das nach Belieben mit Inhalt gefüllt oder gelöscht werden kann. Diese Denkschule kam in den 1970er Jahren durch ihre Konversionstherapien für Homosexuelle in Verruf und erlebt nun mit ABA eine zynische Renaissance.

Der Einsatz von ABA zur Behandlung von Autismus wird in vielen Teilen der Welt kritisch bewertet, weil er auf einem der dunkelsten Kapitel des Behaviorismus basiert: den Experimenten von Ole Ivar Lovaas, der versuchte, autistische Kinder zu „heilen“.

Für Lovaas waren autistische Kinder „nur Personen im physischen Sinne, aber keine Persönlichkeit im psychologischen Sinne“. Er sah seine Aufgabe darin, aus ihrem Rohmaterial einen Menschen zu konstruieren. Um dieses Ziel zu erreichen, wandte er z.B. Ohrfeigen an. Obwohl dies heute nicht immer Teil der ABA-Behandlung ist (im Richter-Rotenberg-Center werden immer noch elektrische Schocks eingesetzt), zielt ABA darauf ab, das Verhalten autistischer Kinder zu ändern, ohne die Gründe für ihr Verhalten einzubeziehen.

Um dies zu erreichen, werden so genannte „Frühtherapien“ an Kleinkindern für mindestens 40 Stunden pro Woche, einer intensiven Arbeitswoche, durchgeführt. Typische Merkmale des Autismus wie „stimming“ oder besondere Interessen, die autistischen Kindern helfen, ihr Nervensystem zu regulieren, werden rigoros verhindert. Das Ziel ist, dass sich das Kind nach außen hin so wenig wie möglich als Autist auffällt.

Einige Studien, wie z.B. die im Artikel der New York Times erwähnten, bestätigen die Wirksamkeit von ABA. Abgesehen von den oben genannten methodischen Unzulänglichkeiten und auch konträren Studien, die keine Effekte gefunden haben, sind „Erfolge“ nicht überraschend, denn ABA ist Konditionierung: der Effekt der psychologischen Manipulation, der empirisch messbar ist.

Wenn nun Studien zeigen, dass Autisten erfolgreich konditioniert werden können, um sich unauffällig zu verhalten und ihre tatsächliche Persönlichkeit zu unterdrücken, dann ist eine erfolgreiche Konditionierung eine erfolgreiche Dressur, nicht aber ein Erfolg in Bezug auf die Zufriedenheit des Individuums, wie es bei anderen psychologischen Therapien der Fall ist.

Kurz gesagt: Man kann Verhalten auch durch Folter erzwingen, aber ich würde das nicht als Therapie bezeichnen. Bei ABA geht es darum, das nach außen hin sichtbare Verhalten einer Person an ein definiertes System anzupassen.

Und diese Konditionierung für 40 Stunden pro Woche wird am besten bei Kleinkindern durchgeführt, so der Artikel der New York Times, der eher wie ein Werbespot als wie ein glaubwürdiger Journalismus wirkt- so wie Ole Ivar Lovaas in den 70er Jahren homosexuelle Jungen trainierte zu sagen, dass sie plötzlich nur noch Frauen attraktiv fänden. Heute lässt uns dieser Gedanke die Haare zu Berge stehen. Früher waren taube Kinder gezwungen von den Lippen zu lesen, heute werden sie (hoffentlich) in der Zeichensprache unterrichtet. Linkshändige Kinder mussten mit der rechten Hand schreiben. Heute sind linkshändige Kinder nicht mehr gezwungen, ihre Neurologie zu verleugnen und dürfen natürlich auch mit der linken Hand schreiben.

Früher galt die Regel: Egal, was das Kind fühlt, Hauptsache es wirkt normal. Sonst zählte nichts. Die Blackbox spielte keine Rolle. Die Arroganz der Mehrheit, der Status quo, bestimmte den Erfolg. Zum Glück hat sich das in vielen Bereichen geändert. Aber die Stimmen der Autisten werden immer noch nicht gehört. Selbst die kleinsten Kinder sollen in teure ABA-„Therapien“ gesteckt werden.

In 20 Jahren wird sich die wissenschaftliche Gemeinschaft dafür schämen.

Wahrscheinlich werden ABA-Anhänger behaupten, dass ich übertreibe, wenn ich Verhaltensforschung und Folter in einem Satz erwähne – aber es ist nicht weit hergeholt. Behavioristische Methoden wurden auch von Psychologen und anderen Fachleuten verwendet, um Foltermethoden für die C.I.A. zu entwickeln (die beteiligten Psychologen nannten dies „The Behaviour Management Plan“), die zum Beispiel in Guantanamo Bay eingesetzt wurden.

Radikale behavioristische Methoden sollten endlich dahin gebracht werden, wo sie hingehören: auf den Müllhaufen der Geschichte, und nicht unkritisch von der New York Times gefördert werden.

Weitere Quellen:

Fiske, S.T. (1992). Thinking is for doing: portraits of social cognition from daguerreotype to laserphoto. Journal of Personality and Social Psychology, 63(6), 877–889.

Gollwitzer, P.M. (1996). The Psychology of Action: Linking Cognition and Motivation to Behavior. New York

James, W. (1890). The principles of psychology. New York : Holt.

Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F010223-0012 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0

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