„Depressiver Realismus“

Autisten mit durchschnittlicher und überdurchschnittlicher Intelligenz haben eine bis zu 10 Mal höhere Wahrscheinlichkeit als neurotypische Menschen Suizid zu begehen – die höchste Suizidrate zeigen dabei Frauen und Autisten mit zusätzlichem AD(H)S (Hirvikoski et al., 2019)

Das stimmt mich nachdenklich.

„Du denkst zu viel!“ ist die Standardantwort die mir entgegenschlägt wenn ich meine Gedanken über die Welt, meine Sorgen und Befürchtungen mitteile. Manche reagieren auf meine Analysen und Gefühle schockiert, oft auch sehe ich in ungläubige und/oder gelangweilte Gesichter oder mir schlägt das pure Unverständnis bzw. Verdrängung entgegen.

„Ach, nimm das doch nicht so schwer! Blablabla-Welt-schön-reden…“

Mein Problem ist unter anderem das Wissen. Es gibt Phasen in meinem Leben da lese ich mehrere Tageszeitungen täglich, informiere mich in Büchern und Artikeln zu Geschichte, Anthropologie, Ethnologie, Philosophie, Psychologie, Medizin… Leider ist das Fazit, dass man salopp aus diesem Wissen schließen kann: der Mensch ist geliefert – zumindest früher oder später.

Denn das ist das einzig logische Fazit: Spezies vergehen, Planeten sterben, Sonnen implodieren. Und im Kleinen: Kulturen gehen unter, Weltreiche vergehen – und dachten wahrscheinlich auch sie wären für immer da, das Non-Plus-Ultra, unsterblich, unvergänglich.

Wir Menschen leben in unseren kleinen Zeitblasen und brauchen diese Illusion. Daher kommt ja auch das Konzept des „Depressiven Realismus´“ – das Depressive es nicht schaffen, sich selbst zu belügen und die Illusion einer gerechten, sicheren Welt aufrechtzuerhalten. Sie sehen die Welt und sich selbst kalt realistisch:

Depressiver Realismus bedeutet, dass Menschen mit leichter bis mittelschwerer Depression eine genauere Wahrnehmung der Realität haben als Nichtdepressive. Depressiver Realismus ist eine Weltanschauung der menschlichen Existenz, die im Wesentlichen negativ ist und die Annahmen über den Wert des Lebens und die Institutionen, die behaupten, die Probleme des Lebens zu beantworten, in Frage stellt.“ (Feltham, 2016).

Und wenn man sich erstmal rein objektiv und in Zahlen das ganze Leid in der Welt anschaut – seit der Existenz des Lebendigen und naturimmanent, vom Menschen noch verstärkt durch Folter, Vergewaltigung, Mord, Krieg und gegenseitiger Ausrottung – dann kann man, wenn man diese kalten Fakten auch empathisch auf sich wirken lässt schon mal schlechte Tage haben.

Denn das ist die Realität. Und wir Menschen brauchen eben Visionen und Illusionen die diese Realität verdrängen sonst wären wir alle nicht überlebensfähig. Psychisch.

Autisten fällt dieses Verdrängen der Fakten und das sich selbst Belügen schwer. Depressiver Realismus ist damit wahrscheinlich verwandt, meiner Meinung nach. Dazu kommt noch die bei vielen Autisten hoch ausgeprägte Empathie, Empfänglichkeit für Leid und Mitleid.

Bei mir zumindest führt dies, zusammen mit dem angesammelten Wissen, bisweilen zu einer tiefen Traurigkeit über die Vergänglichkeit von allem was existiert und der Subjektivität all unserer Wahrnehmungen, Einschätzungen und Sinnzuschreibungen.

So eine Art die Welt wahrzunehmen macht mich nicht gerade beliebt.

Wer möchte z.B. schon hören, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass zumindest die Europäer früher oder später wieder von einer Seuche dezimiert werden wie damals bei der Pest (Cassini et al., 2019). Die kam übrigens aus Asien (Sussman, 2011), wo sie jedoch nie so fatal ausbrach wie in Europa.  Meine Hypothese ist ja, dass die Menschen dort einfach sauberer und hygienischer waren als die durch ihre eigene Scheiße watenden Europäer dieser Zeit, was eine Übertragung durch Flöhe in Asien verhinderte (Singer, 1991). Auch heute: Mundschutz bei Erkältung, Schuhe vor der Tür ausziehen… zum Schutz von anderen.  Wir Europäer niesen alle voll, viele impfen sich nicht mehr und verstehen Keime nicht – alles mit Antibiotika behandeln und damit multiresistente Keime züchten…Wenn jemand versuchen würde es besser zu machen und sich bei Schnupfen einen Mundschutz anzieht um Säuglinge und Immunkranke nicht zu gefährden, der würde sozial bestraft werden. So sind eben die sozialen Normen in Europa. Präsentismus und Pflichterfüllung gehen über alles…

So oder so ähnlich könnte ich den ganzen Tag jeden kleinsten Teil des Alltags analysieren, mich über Ineffektivität und Verantwortungslosigkeit ärgern, traurig und verzweifelt werden aufgrund von Gier und Sadismus… Alles meist säuberlich belegbar durch Zahlen und Quellen.

Wenn man da selbst nicht aufpasst, zieht einen die Realität schnell ins depressive Loch, oder eben in den Depressiven Realismus. Wenn man dann auch noch bedenkt das die meisten  Autisten mindestens die Schulzeit hindurch gemobbt wurden (IAN Research Report, 2012) und statistisch überdurchschnittlich häufig von gewalttätigen Übergriffen betroffen waren (Weiss, & Fardella,  2018), auch im Arbeitsleben oftmals ausgeschlossen und stigmatisiert werden (National Autistic Society,2016), wenn man zusätzlich noch die Kosten des sich Verstellens , dem „Camouflaging“ (Cage & Troxell-Whitman, 2019) hinzurechnet, und die gesamte westliche Lebensumwelt die für Autisten meist anstrengend und bisweilen sensorisch überfordernd eingerichtet wurde (ich sage nur: Dauerstress) miteinbezieht, dann sollte das hohe Suizidrisiko auch für Laien nachvollziehbar sein.

Was daher lebenswichtig ist: wir müssen Strategien erforschen und verbreiten um uns selbst und andere vor dem Suizidrisiko zu schützen. Unsere Umwelt muss verändert werden, denn es kann ja z.B. nicht sein dass uns Mobber einfach das Leben zerstören dürfen.

Ich zitiere zum Abschluss  Griffiths et al. (2019).:

„Verbesserte Unterstützungs- und Beratungsdienste sowie Lobbyarbeit sind notwendig, um die Anfälligkeit autistischer Erwachsener für negative Lebenserfahrungen zu verringern, was wiederum die psychische Gesundheit und die Lebenszufriedenheit dieser Bevölkerungsteils verbessern kann“.

Bin ja mal gespannt ob das passiert.

„Etiam periere ruinae (sogar die Ruinen sind untergegangen)“ Lateinisches Zitat im Zusammenhang mit Julius Caesars Betrachtung dessen, was er für die Ruinen von Troja hielt. 1666, Radierung

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Quellen:

Autism employment gap – National Autistic Society. (2016). Retrieved from https://www.autism.org.uk/get-involved/media-centre/news/2016-10-27-employment-gap.aspx

Cassini, A., Högberg, L. D., Plachouras, D., Quattrocchi, A., Hoxha, A., Simonsen, G. S., Colomb-Cotinat, M., et al. (2019). Attributable deaths and disability-adjusted life-years caused by infections with antibiotic-resistant bacteria in the EU and the European Economic Area in 2015 : a population-level modelling analysis. Lancet Infectious diseases, 19(1), 56–66. doi: 10.1016/s1473-3099(18)30605-4

Cage, E., & Troxell-Whitman, Z. (2019). Understanding the Reasons, Contexts and Costs of Camouflaging for Autistic Adults. Journal of autism and developmental disorders, 49(5), 1899–1911. doi:10.1007/s10803-018-03878-x

Feltham, C. (2016). Depressive Realism: Interdisciplinary perspectives. London, England: Routledge.

Griffiths, S., Allison, C., Kenny, R., Holt, R., Smith, P., & Baron-Cohen, S. (2019). The Vulnerability Experiences Quotient (VEQ): A Study of Vulnerability, Mental Health and Life Satisfaction in Autistic Adults. Autism research : official journal of the International Society for Autism Research, 12(10), 1516–1528. doi:10.1002/aur.2162

Hirvikoski, T., Boman, M., Chen, Q., D’Onofrio, B. M., Mittendorfer-Rutz, E., Lichtenstein, P., Bölte, S., Larsson, H. (2019). Individual risk and familial liability for suicide attempt and suicide in autism: a population-based study. Psychological Medicine, 1–12. doi: 10.1017/S0033291719001405

IAN Research Report: Bullying and Children with ASD. (2012). Retrieved from https://www.iancommunity.org/cs/ian_research_reports/ian_research_report_bullying

Singer, K. (1991). Spiegel, Schwert und Edelstein: Strukturen des japanischen Lebens. Frankfurt a.M., Germany: Suhrkamp.

Sussman, G. D. (2011). Was the Black Death in India and China? Bulletin of the History of Medicine, 85(3), 319-355. doi:10.1353/bhm.2011.0054

Weiss, J. A., & Fardella, M. A. (2018). Victimization and Perpetration Experiences of Adults With Autism. Frontiers in psychiatry, 9, 203. doi:10.3389/fpsyt.2018.00203

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